Lehrermangel an Berufsschulen: Zahlen und Lösungsansätze
Der Lehrermangel an Berufsschulen in Sachsen‑Anhalt verschärft sich: Die Unterrichtsversorgung sank auf 93 % und 8,6 % des Unterrichts fielen ersatzlos aus. Seiteneinsteiger bilden inzwischen den größten Teil der Neueinstellungen.
Das Wichtigste in Kürze
In Sachsen‑Anhalt sank die Unterrichtsversorgung an Berufsschulen von 96,3 % im Schuljahr 2021/22 auf 93 % im letzten Jahr, was zu einem ersatzlosen Ausfall von 8,6 % des Unterrichts führte. Zur Kompensation wurden im vergangenen Jahr 122 Lehrkräfte eingestellt, davon 75 als Seiteneinsteiger, und bis Mitte September 2024 bereits 68 neue Lehrkräfte, von denen 46 Seiteneinsteiger sind.
Wie stark ist der Lehrermangel an Berufsschulen in Sachsen‑Anhalt?
Die Unterrichtsversorgung sank auf 93 % und 8,6 % des Unterrichts fielen ersatzlos aus.
Laut dem Bildungsministerium in Magdeburg lag die Unterrichtsversorgung an berufsbildenden Schulen im Schuljahr 2021/22 bei 96,3 %, während sie im vergangenen Jahr auf 93 % gefallen ist. Gleichzeitig fehlten 8,6 % der geplanten Unterrichtsstunden komplett, weil keine Vertretung gefunden werden konnte.
Der Ausfall betrifft vor allem Kernfächer wie Deutsch, Mathematik und die fachspezifischen Ausbildungsinhalte. Fehlende Stunden reduzieren die Lernzeit der Auszubildenden erheblich und können zu Verzögerungen im Ausbildungsplan führen.
Im Vergleich zu allgemeinbildenden Schulen zeigen die Zahlen, dass auch dort Engpässe bestehen, jedoch ist die absolute Zahl der fehlenden Lehrkräfte an Berufsschulen höher, weil die Klassen größer und die Fachrichtungen stärker diversifiziert sind.
Welche Rolle spielen Seiteneinsteiger bei der Personalbeschaffung?
Seiteneinsteiger stellen den größten Teil der Neueinstellungen und reduzieren die Abbrecherquote.
Im letzten Schuljahr wurden 122 Lehrkräfte neu eingestellt, davon 75 aus dem Seiteneinstieg. Im laufenden Jahr bis Mitte September 2024 wurden bereits 68 Lehrkräfte eingestellt, 46 davon als Seiteneinsteiger. Das bedeutet, dass mehr als zwei Drittel der Neuzugänge aus der Wirtschaft kommen.
Seiteneinsteiger sind in der Regel Fachkräfte aus der Industrie, dem Handwerk oder der IT, die ohne klassisches Lehramtsstudium an den Schulen unterrichten. Sie bringen aktuelles Praxiswissen mit und weisen laut dem Berufsschullehrerverband eine deutlich geringere Abbruchquote als Quereinsteiger an allgemeinbildenden Schulen auf.
Der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands, Jörg Riemer, sieht darin einen Vorteil, betont jedoch, dass die langfristige pädagogische Qualifikation der Seiteneinsteiger weiterentwickelt werden muss, um den Anforderungen des schulischen Unterrichts gerecht zu werden.
Welche Fachbereiche sind besonders vom Lehrermangel betroffen?
Metalltechnik, Elektrotechnik und Kfz‑Technik verzeichnen den größten Lehrkräftemangel.
Riemer nennt den Mangel an Lehrkräften im gewerblich‑technischen Bereich als besonders kritisch. Die Fächer Metalltechnik, Elektrotechnik und Kfz‑Technik sind von einem akuten Lehrkräftedefizit betroffen, weil nur wenige Fachlehrer für diese Spezialgebiete ausgebildet werden.
Diese Fachrichtungen sind zentrale Bausteine der dualen Ausbildung in Deutschland. Fehlende Lehrerinnen und Lehrer erschweren die Vermittlung von praxisrelevanten Fertigkeiten, was zu Lücken im Ausbildungsrahmenplan führt.
Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie melden bereits Verzögerungen bei der Ausbildung neuer Fachkräfte. Ohne ausreichende schulische Begleitung drohen Engpässe bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen und damit ein Rückgang der Fachkräftebasis.
Wie reagieren Schulen und Verbände auf die Lehrkräftelücke?
Schulleiter verteilen vorhandene Kräfte, und der Berufsschullehrerverband betont den Praxisnutzen der Seiteneinsteiger.
Die 24 Schulleiter der Berufsschulen in Sachsen‑Anhalt berichten, dass sie die vorhandenen Lehrkräfte flexibel auf die verschiedenen Fachbereiche verteilen. Da die Schulen zwischen 60 und 150 Lehrkräfte beschäftigen, können sie intern Kräfte umschichten, um akute Engpässe zu überbrücken.
Der Berufsschullehrerverband hebt hervor, dass Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft das schulische Fachwissen mit praktischer Erfahrung ergänzen. Diese Kombination soll die Qualität des Unterrichts sichern, zumal die Abbruchquote bei Seiteneinsteigern niedriger ist als bei Quereinsteigern an allgemeinbildenden Schulen.
Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, betont die Bedeutung eines kontinuierlichen Unterrichts in den Kernfächern Deutsch und Mathematik sowie in den fachspezifischen Ausbildungsfächern. Er fordert stabile Lehrkraftpläne, um die Ausbildung von Fachkräften nicht zu gefährden.
Welche langfristigen Lösungen werden diskutiert, um den Lehrermangel zu beheben?
Mehr Studienplätze für berufsbildende Lehrämter und gezielte Förderprogramme sollen den Nachwuchs sichern.
Ein zentrales Problem ist die geringe Zahl an Absolventen der einzigen Ausbildungsstätte für Berufsschullehrer an der Universität Magdeburg. Viele Lehramtsstudierende entscheiden sich für allgemeinbildende Schulen, weil diese besser bekannt und attraktiver sind.
Der Verband schlägt vor, zusätzliche Fördermittel für das Lehramtsstudium an berufsbildenden Schulen bereitzustellen und Anreize für Praxislehrer zu schaffen, etwa durch finanzielle Zuschüsse oder befristete Vertragsmodelle, die den Übergang in den Schuldienst erleichtern.
Langfristig soll die Attraktivität des Lehrerberufs gesteigert werden, etwa durch bessere Vergütungsstrukturen, gezielte Werbung in Betrieben und eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Wirtschaft, um Praxiswissen systematisch in die Ausbildung zu integrieren.
Welche Auswirkungen hat der Lehrermangel auf Unternehmen und Auszubildende?
Ausfall von Unterricht belastet Ausbildungsbetriebe und gefährdet Kernfächer wie Deutsch und Mathematik.
Betriebe melden, dass fehlende Stunden in den Berufsschulen die Vorbereitung ihrer Auszubildenden auf Abschlussprüfungen erschweren. Ohne kontinuierlichen Unterricht verlieren die Lernenden wichtige Grundlagen, die für die tägliche Arbeit im Betrieb notwendig sind.
Insbesondere die Kernfächer Deutsch und Mathematik sind von Unterrichtsausfällen betroffen. Defizite in diesen Bereichen führen zu Missverständnissen bei Arbeitsaufträgen, fehlerhaften Berechnungen und einer insgesamt geringeren Leistungsfähigkeit der Auszubildenden.
Die Handwerkskammer fordert von den Bildungsbehörden eine verlässliche Lehrkraftversorgung, um die Qualität der dualen Ausbildung zu sichern. Kurzfristig werden Seiteneinsteiger als Brücke gesehen, langfristig jedoch ist ein stabiler Lehrkörper unabdingbar.
Häufige Fragen
Wie hoch war die Unterrichtsversorgung an Berufsschulen im Schuljahr 2021/22?
Im Schuljahr 2021/22 lag die Unterrichtsversorgung an den berufsbildenden Schulen in Sachsen‑Anhalt bei 96,3 %, gemessen an den geplanten Unterrichtsstunden.
Wie viele Lehrkräfte wurden 2023 als Seiteneinsteiger eingestellt?
Im Schuljahr 2022/23 wurden von den insgesamt 122 neu eingestellten Lehrkräften 75 als Seiteneinsteiger angestellt, das entspricht rund 61 % der gesamten Neueinstellungen.
Welche Fachrichtungen sind am stärksten vom Lehrermangel betroffen?
Der Mangel konzentriert sich vor allem auf die gewerblich‑technischen Fachbereiche Metalltechnik, Elektrotechnik und Kfz‑Technik, weil hier nur wenige spezialisierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen.
Welche Maßnahmen schlägt der Berufsschullehrerverband zur Entlastung vor?
Der Verband empfiehlt, vermehrt Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft zu rekrutieren, deren Praxiswissen den Unterricht bereichert, und gleichzeitig die Ausbildung von Lehramtsstudierenden für berufsbildende Schulen zu stärken.
Wie wirkt sich der Lehrermangel auf die Ausbildung in Unternehmen aus?
Unternehmen sehen sich mit verzögerten Lernfortschritten konfrontiert, weil fehlende Unterrichtsstunden die Vorbereitung auf Prüfungen und die Vermittlung von Grundlagen in Deutsch und Mathematik beeinträchtigen.
Was sind mögliche langfristige Strategien gegen den Lehrermangel?
Langfristige Strategien umfassen die Schaffung zusätzlicher Studienplätze für das Lehramt an berufsbildenden Schulen, finanzielle Anreize für Praxislehrer und eine intensivere Kooperation zwischen Schulen, Wirtschaft und Politik.
Quellen
- Lehrermangel an Berufsschulen – das sagen die Betroffenen (Süddeutsche Zeitung)